Saturday, 3 December 2016

Wissen (2)



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(2.1) Erkenntnistheorie und die Kontroverse um absolut sicheres Wissen

Es ist die dritte dieser Bedingungen, um die sich ein Großteil der Diskussionen und Entwicklungen im Bereich der Erkenntnistheorie schon seit den Tagen der vorsokratischen Philosophenschulen dreht: Welcher Art sind die Gründe, die einer Überzeugung den Rang des Wissens verleihen? Wie lassen sich Aussagen als unzweifelhaft wahr begründen? Was wird zu ihrem unumstößlichen Beweis benötigt? Welches sind die Voraussetzungen und Merkmale jener letzten Schlüssigkeit, die einer Überzeugung das Gütesigel gesicherten Wissens aufprägt? Was ist die Quelle der Wissensgewissheit?

Die alten Griechen bezeichneten absolut sicheres Wissen als episteme, im Unterschied zu doxa, bloßer Meinung. Daher auch der griechische Name der Erkenntnistheorie: Epistemologie.

Die philosophische Erkenntnislehre befasst sich in besonderem Maße mit drei grundsätzlichen Fragen:

Können wir überhaupt etwas mit Gewissheit wissen?
Wenn ja, was können wir mit Gewissheit wissen?
Wie können wir derartige Gewissheit erlangen?

Die Erkenntnistheoretiker teilen sich in zwei Lager: Jene, die an ein gesichertes Wissen glauben und sich daher darum bemühen, die Bedingungen gesicherten Wissens zu finden und zu erklären. Das andere Lager bilden jene, die die Möglichkeit gesicherten Wissens prinzipiell ausschließen. Die Kritiker der Lehren vom gesicherten Wissen bezeichnet man als Skeptiker. Die Skeptiker nannten die Anhänger des anderen Lagers Dogmatiker. Die Geschichte der Erkenntnistheorie ist in großen Teilen die Geschichte der Kontroverse zwischen Skeptikern und Dogmatikern.

(2.1.1) Erkenntnistheoretische Skeptiker

Einer der ersten Erkenntnistheoretiker, der die Haltung eines Skeptikers einnimmt, ist Xenophanes, der etwa 530 vor Christus in Griechenland lebte. Von ihm sind folgende Verse überliefert, in denen er seinen Zweifel an der Möglichkeit sicheren Wissens zum Ausdruck bringt:

Sichere Wahrheit erkannte kein Mensch und wird keiner erkennen
Über die Götter und alle die Dinge, von denen ich spreche.
Selbst wenn es einem auch glückt, die vollkommenste Wahrheit zu künden,
Wissen kann er sie nie: Es ist alles durchwebt von Vermutungen.

(Übersetzt nach Karl Popper, 1998, S. 95)

Der Skeptiker zweifelt nicht daran, dass wir auch Überzeugungen haben können, die zutreffend sind. Sein Angriff gilt der dritten Bedingung, an die das Vorliegen gesicherten Wissens gebunden ist, nämlich die Bedingung, dass das, woran wir glauben, wahr ist und letztschlüssig bewiesen werden kann. Der Skeptiker vertritt den Standpunkt, dass uns eine derartige Letztbegründung grundsätzlich nicht gelingen kann.

Der Versuch der Letztbegründung muss scheitern, da er uns immer in eine dreifach ausweglose Lage versetzt - Münchhausens Trilemma wie der deutsche Philosoph Hans Albert (geb. 1921) die dreifache Zwickmühle nennt. Münchhausens Trilemma besagt im Einzelnen, dass das Unterfangen einer Letztbegründung misslingen muss entweder, weil es (a) in einen infiniten Regress führt, (b) einen Zirkelschluss enthält, oder (c) willkürlich und unvollendet abgebrochen wird. Infiniten Regress (a) und willkürlichen Abbruch (b) behandeln wir sogleich. Zum Zirkelschluss (c) kommen wir später im Kapitel.

Betrachten wir zunächst den infiniten Regress: Ein Beispiel: Herr Müller glaubt, mit Sicherheit zu wissen, wann seine Ehefrau Geburtstag hat. Für die erkenntnistheoretische Fundamentalkritik des Skeptikers ist es unerheblich, dass der Tag, den Herr Müller für den Geburtstag seiner Frau hält, möglicherweise tatsächlich der Tag ist, an dem sie geboren wurde. Die Kritik des Skeptikers beruht auf der Behauptung, dass ein letzter Beweis (der Aussage seine Frau habe dann-und-dann Geburtstag) nicht geführt werden kann.

Herr Müller, woher wissen Sie das Ihre Frau am 13. April Geburtstag hat?
Sie hat es mir gesagt.
Woher wissen Sie, dass Ihre Frau die Wahrheit sagt?
Meine Frau lügt nicht.
Woher wissen Sie, dass Ihre Frau nicht lügt?

Und so weiter, und so weiter, ad infinitum.

Es ergibt sich eine unendliche Abfolge von Begründungsanfragen, da für jede bis dahin gebotene Begründung wiederum eine Begründung dieser Begründung verlangt werden kann. Ja, verlangt werden muss, insofern als die jeweils letzte Begründung eben noch keine Letztbegründung liefert.

Aber es steht doch in der Geburtsurkunde.
Woher wissen Sie, dass bei der Ausstellung der Geburtsurkunde kein Fehler unterlaufen ist?
Der ausstellende Arzt ist sich sicher, dass er keinen Fehler gemacht hat.
Kennen Sie den ausstellenden Arzt und die Umstände, unter denen er damals die Urkunde ausstellte, gut genug, um beurteilen zu können, ob er keinen Fehler gemacht hat?

Usw., usw., usw.

Gemessen an den Erfordernissen unseres normalen Lebens muss uns das beharrliche Hinterfragen des Skeptikers in dieser trivialen Frage weltfremd erscheinen. In unserem Alltag und vielen wichtigen Lebenslagen werden wir oft schon sehr früh auf dem Wege zu einer Letztbegründung innehalten, weil uns der Grad der Plausibilität eines Sachverhaltes ohne weiteres Hinterfragen zufriedenstellt. Im praktischen Leben verzichten wir auf Letztbegründung. Wir brechen das Begründungsverfahren an einem bestimmten Punkt ab und geben uns mit dem bis dahin erzielten Plausibilitätsgrad zufrieden („Ich glaube meiner Frau, ihren Eltern und dem Reisepass“). Wir verzichten auf eine Letztbegründung aus dem gleichen Grund, aus dem der Skeptiker gesichertes Wissen für unmöglich hält. Eine Letztbegründung ist nicht praktikabel, da sie offenbar einen endlosen Vorgang anstößt, einen so genannten infiniten Regress.

Scheitert also das Projekt sicheres Wissen an der Unmöglichkeit einer Letztbegründung?
Wenden wir uns den Gegenargumenten zu, die jene aufbieten, welche die Möglichkeit absolut sicheren Wissens verteidigen.

(2.1.2) Dogmatiker - Empirismus und Rationalismus

Die frühen Skeptiker bezeichnen ihre Gegner als Dogmatiker; also als diejenigen, die von einem unerschütterlichen Glauben erfüllt sind. Aber woran glauben die Dogmatiker? Die Dogmatiker vertreten den Standpunkt, dass es bestimmte Überzeugungen gibt, die keiner Begründung durch andere Überzeugungen bedürfen. Für die Dogmatiker gibt es Überzeugungen, von denen unmittelbar einzusehen ist, dass sie wahr sind. Durch den Rückgriff auf diese spezielle Form offenbarungsfähiger Überzeugungen lässt sich der infinite Begründungsregress vermeiden: Unbegründete Überzeugungen lassen sich aus unmittelbar einleuchtenden Überzeugungen ableiten. Gemeinsam bilden die offenbarten und die aus ihnen abgeleiteten Überzeugungen eine stimmige Begründungskette, aufgrund derer eine widerspruchsfreie Letztbegründung und damit die Beglaubigung absolut sicheren Wissens gelingt. Nach dieser Lesart setzt sich Wissen aus zwei Schichten zusammen: unbegründete Überzeugungen und unmittelbar einsichtige oder offenbarungsfähige Überzeugungen.

Welche Quellen des unmittelbaren Wissens um die Wahrheit von Aussagen bieten uns die Dogmatiker an? In der Geschichte der Erkenntnistheorie herrschen zwei rivalisierende Antworten auf diese Frage vor. Die Antwort der empiristischen Dogmatiker lautet: Erfahrung, d.h. untrügliche Beobachtungen. Die Antwort der rationalistischen Dogmatiker lautet: Vernunft, d.h. untrügliche Einsichten des reinen Denkens.

Freedom and the Environment

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As I have explained here and more fully here (in English here), freedom is an important corrective that is indispensable in keeping a society supple, considerate, and imaginative. Freedom protects the population from the callous rigidity, imperious cruelty, and stultifying pretence of omniscience that characterise a totalitarian order.

Totalitarian structures are like a miracle lever that sets free unrivalled energy to insulate certain views and interests from contestation, according unrestricted license and plenipotentiary powers of implementation to them. 

Totalitarian solutions appeal to our deep seated desire to be absolutely right (to be sure of what we know) and to control the things that matter to us—like the fire that our ancestors used to cook their meals or the wristwatch that we expect to be accurate all the time. 

This is why there is an irresistible temptation in mankind to fortify their concerns with ideologies, simplified accounts of the world that appear to entitle us to unassailable rational leadership and a compelling right to act as we see fit.

In many contexts of ordinary, private life it is legitimate to follow up on our totalitarian urges: the wish to be accurate and to do the right thing properly and unimpeded.

The problems start when we apply totalitarian strategies to disencumber ourselves from control and criticism by others, quashing the known and as yet unknown persons, challenging debates, findings and refutations that prove our personal pretence wrong.  

Ironically, science is a preferred excuse of the politically ambitious to switch over into the totalitarian mode. The stratagem is ironic, to say the least, since science is that tool and stage of human civilisation that is based on the recognition of the universal fallibility of our race. The "precautionary principle" of science tells us never to regard a scientific discourse to be settled, to always remain open to new ideas and insights, and in fact to seek actively information that will shatter our established convictions.

Thus, science properly understood encapsulates the essence of freedom. 

Of course, totalitarians detest the freedom of science—they need ultimate knowledge to gain absolute power.

Totalitarians were loath to treat Marxism as a fallible proposition, in which capacity it may be of considerable interest and value; instead they celebrated it with devious immaturity and superficiality as "science", i.e. a token of infallibility, an end state of revealed truth.

After the fulminant collapse of communism all over the world, the terror of "scientific" Marxism has rashly migrated into the pseudo-scientific religion of environmentalism. Again "science" is supposed to advise uniquely determined, incontestably requisite action that disciplines us with the force of a life-threatening ultimatum.

The zealotry of the "environmental" movement, which has become one of the greatest threats to the classic aims of conservationists, leaves a trace of debris of ill thought-through memes, at the centre of which we find the dichotomy between man and nature. Here is our species, that suspicious form of life, and there, juxtaposed to it, the environment.

The environment is being presented as "a thing in itself", assuming the shape of das Ding an sich, an objective structure existing independent of human perception. This misconception corresponds to the unscientific notion of "science" as a receptacle of objective facts, conveying messages as indubitable and  cast-iron as the laws of history postulated by Marxism.

The philosophico-methodological anachronism at the bottom of the Green movement serves as the totalitarian lever enforcing the illusion of a world in which incontrovertible insights and a uniquely determined course of action dictate the only possible way of avoiding apocalypse. It is a recipe for hysteria and ruthless power-wielding and a guarantee for terrible outcomes, perhaps on the scale of the greatest human-induced catastrophe: "the real existing socialism".

The totalitarian threat of "environmentalism" is the inevitable outcome of habitually ignoring the wisdom of freedom, which reminds us that whatever nature is, what it requires of us, and in what relationship it is and ought to be situated vis-à-vis human beings, all of these fundamental issues can only be decided by the discretion and interaction of fallible human beings. There is no such thing as nature outside of the purview of human consciousness and social exchange. Hence the question of what is nature and how to deal with it adequately is subject to the logic of human debate. We have to compete for the best answers—all of the time, with no end to the contest, no final conclusions ever to arrive at, and no exclusion of anyone who cares to participate in the challenge.

When the checks and balances afforded us by freedom, by free discourse and free science, get diminished, as is the design of the green bigot, zeal takes over, and people begin to construct false, self-centred and oppressive worlds from their preferred phantasmagorical premises.

Any serious scientist will tell you that she is busy precisely because it is not clear what nature is and what it still keeps in store for our unquenchable curiosity. Nature is a human construct, whose ongoing erection, demolition and rebuilding, whose continual capturing in terms of science and the social discourse is the open-ended fate of mankind.

Friday, 2 December 2016

Wissen (1)



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Zivilisation und Wissen

Die Zivilisationsstufe, mit deren Wesen und Bedingungen wir uns in diesem Buch befassen, entspricht dem, was Adam Smith als die Große Gesellschaft (The Great Society) bezeichnet. Karl Popper spricht von der Offenen Gesellschaft. Wir meinen dasselbe wie Smith und Popper, wenn wir von einer freien Gesellschaft sprechen.

Die Große Gesellschaft setzt bestimmte Formen der Erzeugung, der Verbreitung und der Verwertung von Wissen voraus. Für die Erhaltung und das Gedeihen unserer Zivilisation ist es also nicht gleichgültig, welchem Verständnis von Wissen wir zuneigen. So setzen wir uns zunächst mit der klassischen Erkenntnistheorie auseinandersetzen, um aus ihr wichtige Elemente der Erkenntnislehre der Freiheit zu entwickeln.

Wir decken damit einen sehr großen Teil der Philosophie ab. Weswegen man dieses Kapitel auch als eine Einführung in die Philosophie lesen kann. Stellen wir also erst mal die Frage: Was ist Philosophie? Wozu Philosophie?

Wozu Philosophie?

Die Frage, was Wissen ist und was es von Nichtwissen unterscheidet, macht einen gewichtigen Teil der historischen und zeitgenössischen Philosophie aus. So wie diese erkenntnistheoretischen Fragen, beeinflussen viele Themen, mit denen sich traditionell die Philosophie am intensivsten befasst, das Handeln und Denken von Menschen, ob sie nun an dem interessiert sind, was Philosophen dazu geschrieben haben, oder nicht.

Mit anderen Worten: Wir alle sind in maßgeblicher Weise von philosophischen Überzeugungen geprägt. Vielfach handeln wir als würden wir bestimmten philosophischen Prinzipien folgen, auch wenn uns dies kaum bewusst ist. Es kann daher sehr wichtig sein, sich diese häufig eher vagen Überzeugungen klar zu machen, zu überprüfen und sie gegebenenfalls einer Überholung zu unterziehen. Schließlich können Inhalt und Färbung unserer philosophischen Grundsätze und Tendenzen unser Verhalten auch in schädlicher Weise beeinflussen. Auch unsere mehr oder weniger klaren Erwartungen hinsichtlich der Frage, was als Wissen anzusehen ist, und was dieses Wissen leisten kann, können einen profunden Effekt auf die Art von Gesellschaft haben, in der wir leben.

Freilich, betreibt man Philosophie als realitätsferne Haarspalterei kann sie dem Antiintellektualismus in die Hände spielen, der Verachtung für umsichtiges Denken und der Vorliebe für krude, markige Ideen von irriger Vordergründigkeit.

Der Philosoph Sir Karl Popper (1902-1994) verspürt diese Bedenken und verteidigt seinen Entschluss, sich als Philosoph zu betätigen, mit den folgenden Gedanken:

Wir alle haben unsere philosophischen Anschauungen, ob wir uns diesem Umstand bewusst sind oder nicht. Aber was taugen sie schon? Nicht viel. Doch die Auswirkungen unserer philosophischen Überzeugungen auf unser Tun und unser Leben sind oftmals verheerend. Deshalb ist es notwendig, den Versuch zu unternehmen, sie mit dem Mittel der Kritik zu verbessern. Dies ist die einzige Entschuldigung, die ich vorbringen kann, für die fortgesetzte Beschäftigung mit Philosophie.

(Popper, 1979, S.33, Übersetzung des Verfassers)

2. Wissen

Der Mensch ist dasjenige Tier, welches über das größte Wissen verfügt. Dieses Mehr an Wissen, das der Mensch anderen Tieren voraus hat, ist ein wichtiger Grund dafür, dass unsere Spezies anderen Gattungen in vielen Belangen deutlich überlegen ist. Aufgrund des Wissens, das dem Menschen zu Gebote steht, ist er in der Lage, sich mit einzigartigen Anpassungsleistungen in seine Umwelt dergestalt einzufügen, dass er seine Möglichkeiten stetig ausweiten und so seine Lebensbedingungen kontinuierlich verbessern kann. So schafft sich der Mensch Körperteile, die ihm nicht angeboren sind. Deswegen kann er auch ohne Kiemen tauchen wie ein Fisch, mit einem Körper ohne Flügel fliegen wie ein Vogel oder trotz kurzsichtiger Augen gestochen scharf sehen.

Zu den spektakulären Errungenschaft, die der Mensch seinem einzigartigen Anpassungsgeschick verdankt, zählt die Fähigkeit, sein abstraktes Denken gleichsam in die Realität vorauszuschicken, ehe er entscheidet, ob er sich ihr selbst aussetzen will. Anders ausgedrückt, der Mensch ist in der Lage, mit Hilfe einer Form von Wissen, so genannten Theorien, ungewisse Situationen durchzuspielen. Widrigenfalls geht nicht der Mensch zugrunde, sondern seine Theorie. Damit setzt er das Risiko, ganz Neues zu wagen, stark herab. Er kann mehr experimentieren und eine umso größere Ernte an vorteilhaften Neuerungen einfahren, als jedes andere Tier. Dazu später mehr.

Eine kurze Geschichte der Erkenntnistheorie

Kein Wunder, dass das menschliche Instrument des Wissens unsere Neugier schon sehr lange herausfordert. Seit tausenden von Jahren befassen sich Philosophen mit der Frage, was Wissen ist. Bei der Suche nach der Antwort auf diese Frage haben die Philosophen drei Bedingungen entdeckt, die erfüllt sein müssen, wenn von Wissen die Rede sein soll.

Wenn P eine Person ist (wie z.B. Lieselotte Weber aus Berlin, Charlottenburg) und A eine Aussage ist (wie z.B. Die Tür ist gelb.), dann muss, wenn von Wissen gesprochen werden darf, zunächst erfüllt sein:

(1) P ist davon überzeugt, dass A zutrifft
(2) A ist wahr
(3) P ist in der Lage, seine Überzeugung, dass A zutrifft, stichhaltig zu begründen

Diese drei Bedingungen umschreiben die herkömmliche philosophische Unterscheidung zwischen Wissen einerseits und Glauben oder Meinung andererseits: Wissen ist stichhaltig begründete wahre Überzeugung.

(2.1) Erkenntnistheorie und die Kontroverse um absolut sicheres Wissen

Es ist die dritte dieser Bedingungen, um die sich ein Großteil der Diskussionen und Entwicklungen im Bereich der Erkenntnistheorie schon seit den Tagen der vorsokratischen Philosophenschulen dreht: Welcher Art sind die Gründe, die einer Überzeugung den Rang des Wissens verleihen? Wie lassen sich Aussagen als unzweifelhaft wahr begründen? Was wird zu ihrem unumstößlichen Beweis benötigt? Welches sind die Voraussetzungen und Merkmale jener letzten Schlüssigkeit, die einer Überzeugung das Gütesigel gesicherten Wissens aufprägt? Was ist die Quelle der Wissensgewissheit?

Die alten Griechen bezeichneten absolut sicheres Wissen als episteme, im Unterschied zu doxa, bloßer Meinung. Daher auch der griechische Name der Erkenntnistheorie: Epistemologie.

Die philosophische Erkenntnislehre befasst sich in besonderem Maße mit drei grundsätzlichen Fragen:

Können wir überhaupt etwas mit Gewissheit wissen?
Wenn ja, was können wir mit Gewissheit wissen?
Wie können wir derartige Gewissheit erlangen?

Die Erkenntnistheoretiker teilen sich in zwei Lager: Jene, die an ein gesichertes Wissen glauben und sich daher darum bemühen, die Bedingungen gesicherten Wissens zu finden und zu erklären. Das andere Lager bilden jene, die die Möglichkeit gesicherten Wissens prinzipiell ausschließen. Die Kritiker der Lehren vom gesicherten Wissen bezeichnet man als Skeptiker. Die Skeptiker nannten die Anhänger des anderen Lagers Dogmatiker. Die Geschichte der Erkenntnistheorie ist in großen Teilen die Geschichte der Kontroverse zwischen Skeptikern und Dogmatikern.

"Wissen" — Neue Reihe an Posts über Erkenntnistheorie und Freiheit


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Ich kehre zu einem Projekt zurück, das ich vor geraumer Zeit begonnen habe. Ursprünglich hatte ich beabsichtigt, eine Gesamtdarstellung unseres Wissens über die Freiheit zu schreiben, und zwar aus liberaler Sicht. Im Laufe der Arbeit an diesem Projekt hat sich mein Freiheitsverständnis gewandelt. Der größte Unterschied zu meiner ursprünglichen Auffassung von Freiheit besteht darin, dass ich Freiheit inzwischen eher als eine Methode für die Entdeckung sinnvoller Bedingungen und Verfahrens des Miteinanders ansehe, denn als vorfahrtsberechtigte Deutung dessen, was eine gute Gesellschaft und ihre tragenden Komponenten (z.B. die Wirtschaft) ausmacht.  Um diese Erkenntnis einzufangen habe ich das Schlagwort von der Freiheit als Methode geprägt, von dem sich später herausstellen sollte, dass Walter Lippmann es bereits 1934 in seinem Buch "The Method of Freedom" benutzt hat, wohl aus einer Grundhaltung heraus, die nicht unähnlich derjenigen ist, die ich nach meiner Wandlung angenommen habe. 

Große Teile meines bis dahin in liberaler Gesinnung geschriebenen Buchs "Freiheit verstehen" wurden hinfällig, da mein darin vertretener Freiheitsbegriff auf die ideologischen Bedürfnisse des Liberalismus zugeschnitten war, vor allem in der Variante, wie sie Hayek vertrat. Was in dieser verworfenen Sichtweise auf die Freiheit vor allem irrig war, lässt sich zurückführen auf eine einseitige Auffassung dessen, was Hayek als spontane Ordnung bezeichnet.

In jeder menschlichen Ordnung, selbst in einer Zweierbeziehung, umso mehr in volkreichen Gesellschaften, bilden sich spontane Strukturen heraus, die nicht intendiert worden sind. Gemäß Hayekschem Liberalismus kann sich bei Anwendung geeigneter Verhaltensnormen eine spontane Ordnung herauskristallisieren, die dem entspricht, was Lippmann (später, nach einer zeitweiligen Bekehrung zum klassischen Liberalismus 1937) die "Good Society" genannt hat: nämlich den liberalen Traum einer eindeutig bestimmten Form von menschlichem Miteinander, die wünschenswerter ist, als jede Alternative. 

Genau an diesem Punkt weiche ich inzwischen vom Liberalismus ab. Denn ich glaube erkannt zu haben, dass die Fähigkeit, sich die spontane Ordnung einer Gesellschaft gezielt zunutze zu machen, also in sie einzugreifen, ebenso ein Teil dieser spontanen Ordnung und ihrer Produkte und Konsequenzen ist, wie ihre unbeabsichtigten Ergebnisse. Der Mensch hat gelernt, sich im Rahmen einer übergeordneten spontanen Ordnung, die sich um ihn herum ergibt und ihm somit gegeben ist, dennoch seine Kreativität und Zielstrebigkeit — sein Uhrmachertum, wenn man so will — wirksam werden zu lassen als weiteres Agens, welches die Gesamtordnung bestimmt. Dieser Aktivismus ist auch ein Evolutionsprodukt.

Die Zurückhaltung, genauer die Selektivität des Liberalismus in Sachen menschlicher Eingriffe in die Gesellschaft ist unsachgerecht. Nicht das Eingreifen in die Gesellschaft per se verdient mit einem Tabu belegt zu werden, sondern lediglich Formen der Intervention, die sich der Gewalt, der willkürlichen Aufbürdung und der Unterdrückung des geistigen Wettbewerbs der Menschen bedienen.

Der Freiheit, wie ich sie heute verstehe, liegt eine bestimmte Auffassung davon zugrunde, was Wissen ist, wie es gewonnen wird, welche Rolle es im Miteinander der Menschen spielt. Denn Freiheit als Methode ist nichts anderes als eine bestimmte Art, mit Wissen umzugehen. Damit hat sich das Kapitel "Wissen" aus dem Manuskript meines liberalen Buchs über die Freiheit eine Aktualität und Gültigkeit bewahrt, die ich in der folgenden Reihe an Posts würdigen möchte. 

Hier geht es zum Anfang der Reihe: "Wissen (1)"

Thursday, 1 December 2016

Leaving the Church — Orthodox vs Heterodox Economics (2/2)

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Having introduced the Keynesian and Post-Keynesian paradigm as a genuine form of heterodox economics, as opposed to that strand of heterodox theorising which is merely a critical commentary, a branch and ultimately a vindication of mainstream economics, Shaikh discusses [from time mark 05:35 to 08:08] the second tradition of genuinely heterodox economics: classical economics in the tradition of Smith, Ricardo, and Marx:

But there is another set of [heterodox] theories [that Sheikh endorses as providing an independent base of theorising about the economy], which are ... older than Keynesian theories, and I want to call them here classical political economy: the theories of Smith, Ricardo, and especially of Marx — which are also different [i.e. they possess a theoretical base independent of orthodox economics], but they are different from Keynesian theory.

Capital and labour are not viewed as equal. Class is a fundamental social relation. Race, gender and ethnicity are bound in the matrix of class relations ... [Emphasis] is on the turbulent patterns of market forces. Markets don't achieve equilibrium, they achieve a rough balance by overshooting and undershooting, and the disorder is the means to the order ... [Emphasis] is ... on competition as the root of the powerful gravitational forces of political economy.

The dominant incentive ... is the profit motif. It dominates all others because it is central to the operation of capital and hence of the business sector. The system is viewed as inherently expansionary; which is located in the premise of capital which is to put money in to get more money out ... And that expansionary character shows up in its geographical expansion as well as in its expansion to new arenas all the time. So it's not just globalisation but all other areas of life that capital expands to.

Mechanisation and industrialisation are intrinsic features of this point of view. And unemployment [especially in Marx] is the necessary outcome, it's not an potion, it's not a possibility, it's necessary. The system has mechanisms to create it. And this is, of course, created on a global scale ... because the markets operate on a global scale. So you cannot speak of national employment as if it's unrelated to unemployment [in other countries] ...

The state, from this point of view, can be a potential regulator, but it's subject to strict limits. And these limits are of two sorts: one is a political limit ... And the other is the profit limit—because the state cannot go very far in impinging upon the profit motif ... I am clearly in this tradition.



Leaving the Church — Orthodox vs Heterodox Economics (1/2)

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Professor Anwar Shaikh suggests two styles of heterodox economics: one being a mere extension of orthodox economics, offering occasional criticisms and improvements, engaging in "departures", as Shaikh calls them, that really are loops coming from and leading back to the platform that gives mainstream economics its coherence. The second style of heterodox economics diverges fundamentally from orthodox economics.



[Beginning at 03:38 Shaikh explains:] 

What then should define heterodox economics? I think ... that it should be grounded in a different theoretical foundation. Now, of course, you'll come back to the same issues [of criticism of orthodox economics] ... but that shouldn't be done by means of starting from the general theory of orthodox economics and then kind of moving away a little bit at a time.

And here there are really only two basic options in terms of general theory [...] First one, of course, is Keynesian and Kaleckian theory.

What is important about it, is that it is constructed differently from neoclassical theory. It is not to be derived by putting imperfections in neoclassical theory; it is really a different theory. A Keynes particularly saw himself clearly as creating a different foundation for economics—not merely a modification of standard theory. He saw himself as overthrowing the standard theory and creating something else. And that's why he called it the General Theory.

The key point in Keynes's argument is that aggregate demand is the ultimate limit to production and employment. Unemployment can be a normal state of affairs in a capitalist economy, Keynesian theory and Keynes himself ... was strongly pro-capitalist — and that's an important feature of Keynesian theory because it makes it much more acceptable to orthodoxy ... The market and the state will together will achieve the promise that the orthodoxy offers in terms of the state: which is full employment growth and price stability ...

From this comes a fundamental role of the state as regulator of the market, the state as a potentially neutral referee ...

And I would say that Keynesian theory is the dominant point of view of the heterodox tradition.
[05:35]

An Unusual Painting

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Quaesivi being a virtual gallery of paintings, below see a series of pictures that, I feel, should not be missing in my blog:




Keynes and the Brexit

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Writes Robert Skidelsky, biographer and resuscitator of the work and aura of John Maynard Keynes:
Like Churchill, Keynes supported the idea of some sort of European Union to avert another war. He looked forward to a European federation of independent states forming an economic and currency unit. But the point was he did not see Britain as part of it.
Would he have later endorsed Harold Macmillan’s original application for membership of the European Economic Community in 1962 and the terms eventually negotiated by Edward Heath in 1972? Possibly. But there is nothing in his own history to suggest that he would have accepted unconditionally the four freedoms of capital, goods, services and labour—which after the Maastricht Treaty in 1992 came to define the European project. Indeed, he envisaged capital controls as a necessary and permanent part of the international monetary system.
And he would certainly have wanted to keep Britain out of the eurozone. Because, above all, he would have wanted to retain the commitment to full employment. If this was not possible at the European level, and he would have doubted if there was enough theoretical and institutional support for this, then national policy must be free to secure it.
The source.

Is Democrcay Becoming Old-Fashioned?

Image credit. And the article where I found it.

Machiavelli put his finger on it when he intimated that the common good is that which those with an interest in avoiding domination share. The source.

As I have tried to explain in countless posts, I believe that freedom depends on a functioning democratic regime.

So what to make of the above data?

Luckily, things change, fads of the day come and go.

The greatest hope I have for democracy is that contrary to what many people believe, it is more than elections, far more than that. Democracy is a culture that takes seriously the views of the individual. It is an epistemic feature of a certain type of civilization: the right of everyone to question everything. I cannot see how it should be possible to dissolve this enormously powerful critical impetus at the bottom of the democratic world in which we live.